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Pflege LebensNah gGmbH
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Zur Person

Norbert Schmelter

Ist seit 1988 Geschäftsführer der Pflege LebensNah.

Neben seiner Tätigkeit im Rahmen des Pflege-Netzwerks ist er in ganz Deutschland für seine Haltung bekannt. Mit dieser Kolumne möchte er wichtige Themen ansprechen und zum Nachdenken anregen.

04. Januar 2016

Wird der Kauf der Imland-Seniorenheime ein gutes Geschäft für die Diakonie?

Die stationäre Pflege steckt in der Krise. Viele Pflegeheime kämpfen seit Jahren mit einem hohen Zimmerleerstand. Das stationäre Angebot wird von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen mit Skepsis betrachtet: „zu teuer, und dann auch noch ein Umzug auf die alten Tage …“. So lauten ihre wesentlichen Argumente gegen den Einzug in ein Heim. Es könnte sogar noch teuer werden, wenn endlich eine ausreichende Nachtversorgung in den Heimen sichergestellt wäre. Das ist derzeit nicht der Fall, im Bundesdurchschnitt ist eine Nachtwache für mehr als 50 Bewohner zuständig.  

Der Gesetzgeber sieht die Probleme. Er möchte, dass Pflege zu den Menschen kommt, nicht umgekehrt. Auch die hohen Kosten der stationären Pflege missfallen ihm. Die Politik und die Mehrheit der Pflegefachleute wollen darum die „Ambulantisierung“ der Pflege.

Wir von der Pflege LebensNah mussten dazu nie aufgefordert werden. Von Anfang an bemühen wir uns um eine lebensnahe Pflege, um Hilfe, die nicht entwurzelt, sondern den zu Pflegenden, seine Häuslichkeit, die Angehörigen, Verwandte, Bekannte und Freunde so weit wie möglich einbindet. Darum setzen wir auf ein rundes ambulantes Pflegeangebot: das sind häusliche Pflegedienste und Hospizdienste, das ist eine reine Kurzzeitpflege-Einrichtung als ergebnisoffene Entscheidungs- und Vermittlungsstelle, das sind Tagespflegestätten, das sind die ambulant betreuten Wohngemeinschaften, das sind Angehörigentreffs und Beratungsstellen.

Ja, unsere Vorstellungen von einer alters- und demenzfreundlichen Gemeinde sind herausfordernd. Es braucht von uns und der Gesellschaft das gemeinsame Bemühen um Integration. Das ist das Gegenteil von Separation. Unsere Politik der Wohnort- und Stadteilnähe ist besonders erfolgreich, wenn auch die Kommunen mitziehen und mit dafür sorgen, dass die Quartiere altersgemischt bleiben können.

Persönlich bin ich darum verwundert, dass diakonische Pflegeanbieter immer noch in stationäre Pflege investieren. Die drei Seniorenheime der Imland GmbH in Nortorf, Jevenstedt und Eckernförde – alle machen sie Verluste – sollen an diakonische Pflegeanbieter gehen. In der Zeitung heißt es, die Personalkosten dieser Häuser seien zu hoch. Diakonische Anbieter sollen und wollen das ändern? Wer wird darunter leiden? Die Mitarbeiter? Die Bewohner? Und überhaupt: Welchen Sinn macht es, den Anbieter auszuwechseln, wenn stationäre Pflege sich nicht verkauft? 

Pflege muss von den Menschen her gedacht und entwickelt werden. Ein neues Logo – unser blaues Kronenkreuz – auf maroden und überteuerten Häusern macht diese keinen Deut attraktiver.

19. Oktober 2015

Kein Abseits: Gerd Müller

Den Titel „Bomber der Nation“ führt er nicht ohne Grund: Gerd Müller zählt zu den ganz Großen des deutschen Fußballs. Seine Tore für den FC Bayern München und die Fußballnationalmannschaft sind legendär. 

Der Fußball-Weltmeister von 1974 ist seit längerer Zeit an Alzheimer erkrankt. Das ist seit Anfang Oktober 2015 bekannt. Öffentlich wurde auch: Eine Männerriege um Mehmet Scholl, Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß setzte alle Hebel in Bewegung, damit Gerd Müller so lange wie möglich beim Training der zweiten Mannschaft des FC Bayern assistieren konnte – denn das tat er gern und war es gewohnt. 

Mitstreiter

In dieser Hilfe erfolgsverwöhnter Ex-Fußball-Profis für Gerd Müller drückt sich Zuneigung, Respekt und die Bereitschaft aus, am normalen Alltag teilhaben zu lassen. Die Verantwortlichen des Clubs handelten vorbildlich.

Journalisten wussten von Müllers Erkrankung schon länger. Sie haben die Informationen aber nicht sofort veröffentlicht. Es gelang, Medienrummel von Müller lange fern zu halten. Das klappt nicht immer. Denn die Neigung, Alzheimer und Demenz regelrecht zu dramatisieren, ist in der Presse noch verbreitet. Das zeigt der Fall Müller erneut. Die Erkrankung steht im Rampenlicht, weil es einen Prominenten getroffen hat. Auch anderen VIPs ist es so ergangen, man denke an Ronald Reagan, Margaret Thatcher, Rudi Assauer, Harald Juhnke oder Inge Meysel.

Abseits vermeiden

Wenn wenig sensible Journalisten von der „Teufelskrankheit Alzheimer“ schreiben, wie bei Müller geschehen, stigmatisieren sie die Erkrankten. Wenn davon berichtet wird, dass der frühere Fußballer jetzt ärztlich „behandelt“ werde, führt das in die Irre, denn eine Therapie gibt es nicht. 

Gerd Müllers Fall zeigt: Es ist förderlich, wenn das gewohnte Leben so lange wie möglich aufrecht erhalten wird, trotz der Abstriche, die mit der beginnenden Krankheit verbunden sind. Es braucht die Hilfe von Mitmenschen, die zu Mitstreitern werden. Begleitung, Respekt und Einfühlung sind gefragt. Dämonisierung und Dramatisierung hingegen führen ins Abseits.

 

10. Juli 2014

"Man hat mich schon oft um Sterbehilfe gebeten"

Hospiz-Experte Norbert Schmelter über den Umgang mit todkranken Menschen - im Interview mit der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung

RENDSBURG  Die Debatte um Sterbehilfe hat durch den früheren Hamburger Justizsenator Roger Kusch neue Nahrung bekommen. Er ist angeklagt, zwei Frauen in den Tod getrieben zu haben. Über diese Vorgänge ist Norbert Schmelter, Geschäftsführer der Rendsburger Pflege LebensNah, entsetzt. Er hat täglich mit Sterbenden zu tun, versucht für sie da zu sein, doch Sterbehilfe würde er niemals leisten. Mit ihm sprach unser Redaktionsmitglied Dirk Jennert.

Herr Schmelter, wie viele von den 800 Menschen, die die Pflege LebensNah betreut, sind sterbenskrank?

Schmelter: Ich gehe davon aus, dass etwa 40 bis 50 Prozent unserer Patienten so erkrankt sind, dass man doch täglich oder in den nächsten Wochen mit dem Tod rechnen muss. Den überwiegenden Teil der Menschen betreuen wir zu Hause. In der Kurzzeitpflege haben wir 22 Betten, das stationäre Hospiz verfügt über zehn Betten. Dort findet natürlich das Sterben, der Tod, aber auch das Leben sehr intensiv statt.

Haben Sie durch diese ständige Nähe zum Tod die Angst davor verloren?

Ich bin noch kerngesund, aber ich habe durchaus Ängste vor dem Tod. Mein Vater ist mit 62 Jahren durch einen Herzinfarkt gestorben, da war ich dabei. Ich habe ihn noch begleiten können ins Krankenhaus. Ich war zu diesem Zeitpunkt 23. Es war eine Herausforderung, damit klar zu kommen. Ich habe sehr viel weinen müssen und hatte auch Angst davor, meinen Vater wieder mit nach Hause zu nehmen, aber meine Mutter hatte das gewünscht. Für mich hat diese Erfahrung den großen Ausschlag dafür gegeben, um mich mit dem Sterben und dem Tod bis heute intensiv zu befassen.

Ist es leichter für Angehörige, wenn der Tod eines geliebten Menschen weniger plötzlich kommt?

Es ist sicher anders, aber nicht weniger berührend. Das habe ich bei meiner Mutter erlebt, die eine zehnjährige Demenz-Erkrankung durchlitten hat. Die letzten zweieinhalb Jahre haben meine Frau und ich sie zu Hause betreut. Am Ende ist meine Mutter sanft eingeschlafen. Unsere Kinder und auch ihre Freunde sind gekommen und wir haben uns sehr feierlich von ihr verabschiedet. Das ist sehr ruhig und würdevoll verlaufen.

Sie haben gelernt, das Sterben als etwas Natürliches zu betrachten?

Ja, sicher. Ich komme nicht in Panik. Ich muss einen sterbenden Menschen nicht dadurch beunruhigen, dass ich hektisch werde. Ich weiß darum und verdränge es nicht. Unsere Gesellschaft ist allerdings ganz anders gepolt. Da geht es um Fitness, Jungsein und Fun, aber die Tiefe fehlt.

Was bewegt die Menschen, die die Pflege LebensNah auf dem letzten Weg betreut?

Das ist stark abhängig vom Moment und der Situation. Viele ruhen in sich. Sie kämpfen nicht. Viele nehmen das Sterben als gegeben hin. Das ist nicht unbedingt altersabhängig. Ich habe das bei Kindern beobachtet, bei jungen Erwachsenen, aber auch bei Älteren.

Dies gilt sicher nicht für Menschen, die unter starken Schmerzen leiden. Sehnen diese nicht eher den Tod herbei?

Ja, das gibt es. Aber das muss man differenziert sehen. Es gibt nicht nur den körperlichen Schmerz. Viele sind isoliert in unserer heutigen Gesellschaft, haben keine Familie mehr. Oder sie schotten sich selbst ab aus den verschiedensten Gründen. Manche Ältere werden irgendwann inkontinent und trauen sich nicht mehr aus dem Haus. Aus dieser Isolation und dieser Einsamkeit kann ein tiefer seelischer Schmerz entstehen, der dazu führt, dass ein Mensch nicht mehr leben will.

Sind Sie schon einmal um aktive Sterbehilfe gebeten worden?

Das bin ich oft. Das ist ein Stück Normalität für mich, um ein todbringendes Medikament gebeten zu werden. Einige sagen auch: Bitte, schieß mich tot. Ich bin einmal nachts zu einem sterbenden Patienten ins Hospiz gerufen worden. Neben ihm lag eine Waffe und er blutete. Wir waren alle zutiefst erschrocken. Es stellte sich heraus, dass die Blutungen eine Folge seiner Krebserkrankung waren. Er ist dann eingeschlafen.

Wie reagieren Sie auf die Bitte nach Sterbehilfe?

Es hängt von der Situation ab. Ich habe Verständnis dafür, wenn jemand so starke körperliche Schmerzen hat, dass er sie nicht mehr ertragen kann. Ich sage dann, dass ich Hilfe herbeiholen werde. Ich habe aber auch oft klar gesagt, dass ich keine Sterbehilfe leisten werde. Ich kann nicht daran mitwirken, einen Menschen zu töten. Zum Leben gehört Leid dazu. Wir wollen es immer nur schön und gut haben. Ich glaube, wir rennen da einem Ideal nach, das wir nie erreichen werden. Der Tod ist nichts, womit nur der Mediziner oder die Pflegekraft zu tun haben, sondern alle Menschen.

Roger Kusch, der frühere Hamburger Justizsenator, ist ein großer Befürworter aktiver Sterbehilfe.

Bei Herrn Kusch habe ich es überhaupt nicht verstehen können, dass da ein Neurologe über 80-Jährige aufgesucht hat, die Angst hatten vor dem Altwerden. Das fand ich hochdramatisch, dass dann Leute auch noch eine Rechnung gestellt bekommen für eine solche Begegnung. Ich habe hier einen Pfarrer von „Exit“ gehabt. Das ist eine schweizerische Gesellschaft für humanes Sterben. Der Pfarrer besuchte in unserem Hospiz eine Frau, die etwa Anfang 50 war. Der Ehemann hatte ihn darum gebeten. Für mich war erschreckend, dass dieser Pfarrer nach einem maximal viertelstündigen Gespräch, das er mit dieser Frau geführt hatte, auf mich zukam. Er hatte diese Frau noch nie zuvor gesehen. Und nun richtete er im Grunde die Bitte an mich, der Frau ein Medikament zu verschaffen, damit sie zu Tode kommt.

Sterbehilfe kommt für Sie unter keinen Umständen in Frage?

Nein. Würde man Sterbehilfe erlauben, wäre das fatal. Es würde eine rein berechnende Gesellschaft entstehen. Wenn es am Ende auf Effizienz ankommt, also wenn man überlegt, welchen Wert hat ein kranker Mensch und danach das weitere Handeln bestimmt, dann wären wir nur noch eine betriebswirtschaftlich geführte Gesellschaft. Das kann es nicht sein.

29. Januar 2014

Fachkräfte fehlen – was noch?

Die Landeszeitung berichtete am 28. Januar 2014 über den Fachkräftemangel in der Pflege. Sie stützt sich dabei auf Untersuchungen der Heimaufsicht im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Diese Behörde stellt fest, dass die Situation in einigen Heimen bedenklich sei, weil Fachkräfte fehlten. Sie spricht von teils erheblichen Mängeln. Zudem fehle häufig Zeit für Gespräch und Beschäftigung mit den Bewohnern.

Gefangen im alten Denken

Die Überlegungen der Heimaufsicht und die Darstellung in der Landeszeitung bewegen sich leider in altbekannten Bahnen. Die Appelle richten sich nur an die Anbieter stationärer Pflege – sie seien in der Pflicht, etwas gegen den Mangel zu unternehmen. Dabei handelt es sich beim Fachkräftemangel um ein gesamtgesellschaftliches Problem, das nicht nur die stationäre, sondern alle Pflegeformen betrifft.

Ermahnungen der Pflegeanbieter führen nicht weiter. Stattdessen ist endlich mit einem Dialog der Bürgerinnen und Bürger zu beginnen: Wie soll im Alter gelebt werden? Welche Form der Pflege wünsche ich mir? Was tue ich heute bereits dafür?

Eine der Antworten wäre: Pflege muss besser finanziert werden. Die von der neuen Bundesregierung angekündigte Erhöhung der Pflegeversicherungsbeiträge reicht nicht.

Dinosaurier Fachkraftquote

Mehr Geld genügt aber nicht. Die vor vielen Jahren willkürlich festgelegte Fachkraftquote für Heime muss auf den Prüfstand. Sie ist nicht differenziert genug. Wir brauchen in der Pflege einerseits hoch spezialisierte Kräfte, die „von jetzt auf gleich“ in der Lage sind, Mitmenschen mit verschiedensten, teilweise multiplen Krankheiten und Handicaps zu versorgen. Die Krankenhäuser entlassen ihre Patienten immer schneller, obwohl diese sich nicht selbst helfen können. Andererseits gibt es Arbeitsfelder in der Pflege, in denen nicht jede zweite Person eine Fachkraft sein muss. Dort werden Ressourcen verschleudert, nur weil es eine willkürlich festgelegt Quote so will.

Mitmachen und würdigen

Obendrein müssen Angehörige anders in die Pflege eingebunden werden, oft wünschen sie sich das ausdrücklich. Deutlich wird dieser Gestaltungswille in Wohngemeinschaften für ältere Menschen. In das Leben dieser Gemeinschaften bringen sich Angehörige gern ein.

Geld, eine Pflegedebatte, angemessene Fachlichkeit und Partizipation sind wichtig. Wie steht es um die Würde der Pflegekräfte? In jeder Sonntagsrede wird das Pflegepersonal gelobt. Im Alltag gibt es häufig gegenteilige Erfahrungen: Pflegekräfte werden beschimpft und für jedes Problem verantwortlich gemacht. Dabei ist Lob so unerhört wichtig! Immer wieder erzählen Mitarbeitende, wie motivierend es ist, wenn ihre Arbeit von Pflegekunden und Angehörigen gewürdigt wird – positives Feedback stärkt die gute Seele.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser erste Satz unseres Grundgesetzes muss auch in der Pflege gelten. Wir alle sind gefordert.
 

26. April 2013

Wie unser Pflegesystem Schule machen kann

Der aktuelle SPIEGEL thematisiert die Krise unseres Schulsystems. Es setzt die Schüler unter großen Stress, hält zum Auswendiglernen und sofortigen Vergessen an, es entlässt ein Fünftel aller Jugendlichen ohne jeden Schulabschluss. Auch die DIE ZEIT greift das Thema auf: Das deutsche Schulsystem ist nicht mehr auf der Höhe.

Wie sieht es am anderen Ende der Lebensspanne aus? Was taugt unsere Pflege? Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) träumt davon, ein Pflegesystem zu schaffen, um das uns die Welt beneidet. Auch wenn er betont, dass mehr Menschen in der deutschen Pflegebranche arbeiten als in der Automobilindustrie, baut er Luftschlösser, denn praktisch tut er nichts oder sogar das Falsche: Das Jahr der Pflege 2011 ließ er ergebnislos verstreichen, vor dem „Pflege-Bahr“ – ein Schaufenstergesetz zur privaten Vorsorge gegen Pflegerisiken – warnt heute selbst die Stiftung Warentest. So jedenfalls kann Pflege made in Germany in der Welt nicht Schule machen.

Was tun? Wir brauchen eine Vision von Pflege. Das darf nicht nur Thema auf der Altenpflegemesse in Nürnberg sein. Das muss in der Mitte der Gesellschaft, von uns allen gemeinsam entwickelt werden. Denn alle wollen alt werden und einen Lebensabend in Würde verbringen. Haben Sie sich schon gefragt, wie Sie im Alter leben möchten? Und wie verwirklichen Sie diese Wünsche? Wie motivieren Sie andere, Ihnen dabei zu helfen?

Schulreformer betonen, Schüler müssen ihr Lernen selbst in die Hand nehmen. Das gilt auch für die Altersfrage: Wir müssen heute für das Morgen sorgen, Visionen entwickeln, Ziele definieren, Kreativität entfalten und Aktivitäten starten. Nur so haben wir unser Alter selbst in der Hand. Das derzeitige Pflegesystem mit seinen schwierigen Arbeitsbedingungen, seinem Fachkräftemangel und seinem oft unmenschlichen Zeitdruck ist jedenfalls nicht zukunfts- und exportfähig. Wir müssen ein neues gestalten. Packen wir es an.

28. März 2013

Schläge statt Pflege?

Gewalt in der Pflege ist ein Tabu. Nur bei polizeilichen Ermittlungen oder Gerichtsurteilen nimmt die Öffentlichkeit davon Notiz. So berichteten die Kieler Nachrichten jüngst von Vorgängen in einem neuen Pflegeheim in Altenholz bei Kiel. Eine Pflegehelferin hatte dort zwei Bewohnerinnen geschlagen. Das brachte ihr eine Anzeige durch Angehörige und eine Geldstrafe von 2500 Euro ein.

Der Gerichtsprozess zeigte: Die Mitarbeiterin war als Leiharbeitern beschäftigt. Der Heimbetreiber wollte seinen Personalbedarf flexibel decken, denn das Haus war noch nicht voll belegt. Die Chefin der Pflegeabteilung schickte die Leiharbeiterin gleich zur nächsten Bewohnerin, nachdem die erste von der Hilfskraft misshandelt worden war.

Wir müssen nach der Verantwortung für solche Zustände fragen: Was ist uns Pflege eigentlich wert, wenn in der Branche derartige Beschäftigungsverhältnisse eingerissen sind? Ist es hinnehmbar, dass das Belegungsrisiko von Heimen auf die Mitarbeiterschaft abgewälzt wird? Welche Qualifikationen müssen Menschen in der Pflege haben? Wieso führte die Vorgesetzte kein Gespräch mit der Hilfskraft, um zu erfahren, was sie zu ihrer Tat veranlasst hat? Wieso mussten erst die Angehörigen die Polizei einschalten?

Es wäre falsch, wenn wir nur mit dem Finger auf die Verurteilte oder das Heim in Altenholz zeigen. Alle Anbieter von Pflege müssen prüfen, welche Risiken mit ihrer Kostenpolitik verbunden sind. Und wir als Bürger, die ungern Geld für Pflege bereitstellen, müssen uns fragen, ob wir Gewalt gegenüber Pflegeheimbewohnern als Altersrisiko akzeptieren möchten.

06. Februar 2013

Vielfalt in der Pflege muss finanziert werden

Die Politik will, dass Menschen bei Pflegebedürftigkeit nicht automatisch ins Heim einziehen müssen. Pflegebedürftige sollen zu Hause leben können – das entspricht ihren Wünschen und kann für uns alle auch kostengünstiger sein.

Die Politik fordert außerdem, dass die Angebote vielfältig sind, denn die pflegebedürftigen Menschen haben ganz individuelle Bedürfnisse und Anliegen. In Rendsburg haben wir darum unter anderem Tagespflegen, Kurzzeitpflege, Haugemeinschaften für Menschen mit Demenz, niedrigschwellige Angebote wie das Café Sahnehäubchen und unser Betreutes Wohnen in Familien.

Die Medien berichteten nun, dass die Pflegeeinrichtung des Altenzentrums „Haus Eichengrund“ vor dem Aus steht. Das Angebot rechne sich einfach nicht. Das ist allerdings zu kurz gedacht. Ich behaupte: Das Angebot der Kurzzeitpflege wird nicht ausreichend finanziert. Ein Tag in der Kurzzeitpflege ist teilweise billiger als eine Hotelübernachtung!

Auch Tagespflegeeinrichtungen funktionieren nur bei guter Auslastung und bei solider Finanzierung. Hier steht die Pflegeversicherung ebenfalls auf der Bremse.

Die Tagespflegen holen ihre Gäste von zu Hause ab, mit einem Bus. Diese Fahrten werden nur pauschal vergütet (in der Tagespflege Alfred Roth Stiftung mit 5,52 Euro), ganz gleich, wie weit der Weg ist und ob Menschen Rollstühle haben oder nicht.

In erster Linie müssen die Pflege- und Krankenkassen ihre Haltung überdenken. Aber wir Bürger müssen ebenfalls umdenken. So lange, wie der Gesellschaft Pflege weniger Wert ist als zum Beispiel eine Hotelübernachtung, können Kurzzeit- und Tagespflege sich nicht tragen.

PS: Vielleicht hat meine Meinung Sie schon ein wenig zum Umdenken bewegt. Dann können Sie sich zum Beispiel im Rahmen einer Spende engagieren. Wir von Pflege LebensNah müssen einen neuen Bus für die Tagespflege kaufen. Er soll nicht nur die Tagesgäste befördern, sondern zugleich vier Rollstühle mitnehmen können, denn immer mehr alte Menschen brauchen den „Rolli“. 16.000 Euro fehlen uns noch für den Bus. Jede Spende hilft uns, Ihnen weiterhin Vielfalt bieten zu können.

24. Januar 2013

Misstrauen ist Gift für die Pflege

Vor wenigen Tagen berichtete die Landeszeitung über Prüfungen von Alten- und Pflegeheimen im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Jedes Heim wird geprüft, einen Anlass braucht es nicht. Die Prüfer greifen dabei auf einen 100-seitigen Fragenkatalog zurück. Nicht nur die Heimaufsicht kontrolliert, sondern auch der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK). Das alles zeigt: Pflege wird immer noch mit großem Misstrauen begegnet.

Wer will in einer Branche arbeiten, der solcher Argwohn entgegenschlägt? Alle wissen doch: Uns gehen die Pflegekräfte aus. In unseren nördlichen Nachbarländern ist das anders. Dort ist Arbeit in der Pflege anerkannt. Mit Ärzten agiert man auf Augenhöhe. Kein Wunder, dass Dänemark, Schweden und Norwegen kaum Probleme mit der Anwerbung von Ausbildungswilligen und ausländischen Pflegefachkräften haben.

Die seit Jahren in Deutschland sich immer weiter ausbreitende Bürokratie in der Pflege blockiert uns alle – die Anbieter von Pflege und ihre Kunden. Wenn neue Wohn- und Versorgungsformen angeboten werden, beispielsweise Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz oder Betreutes Wohnen älterer Menschen in Familien, stehen die Behörden grundsätzlich erst einmal auf der Bremse. Innovationen trauen sie nicht.

Bürokratie erstickt Kreativität und Individualität, die wir dringend brauchen, um den demografischen Wandel zu bewältigen. Sie bringt auch den Kunden zum schweigen. Es ist bezeichnend, dass das Ergebnis der Patientenumfragen, die der MDK bei seinen jährlichen Qualitätsprüfungen durchführt, nicht in die Gesamtnote der MDK-Prüfung eingeht. Der Patient wird zwar gefragt, seine Antworten haben aber keinen Einfluss.

Misstrauen und vermehrte Prüfungen sind Gift für eine gute Pflegezukunft. Wir brauchen stattdessen Gestaltungsfreiräume, Mut und Zutrauen in die Urteilskraft der Kunden.